Hannover, den 15.-16. Januar 2007

Ein Workshop zum Thema Schulen mit Schülern der Schillerschule im Rahmen der Fachkonferenz „Architecture & Education“ auf dem contractworld.congress/der DOMOTEXT Hannover 2007.

Ziele und Methodik des Workshops:
Schulen sind besondere Gebäude. Sie sind Orte des Lernens, aber auch und vor allem Orte, an denen Kinder und Jugendliche einen großen Teil ihres Tages verbringen, wo sie Freunde treffen und viel über das Zusammenleben lernen. Neue Anforderungen an unser Bildungssystem, der Trend zu Ganztagsschulen und nicht zuletzt die häufig veralteten Einrichtungen machen den Umbau vieler Schulen notwendig. Dabei geht es um mehr als Unterrichtsräume. Flure, Treppen, Pausenhallen, Cafeterien – kurz, Räume in denen das schulische (Gemeinschafts-)leben außerhalb der Unterrichtszeiten stattfindet, sind entscheidende Orte für Schulen, in denen Schüler und Lehrer sich wohl fühlen und sich das soziale Leben entfalten kann.
Ziel des Workshops war es, die Schülerinnen und Schüler der 9c zu Wort kommen zu lassen und sie ihre bevorzugten Pausenorte zu benennen, in interaktiven Übungen zu analysieren und schließlich Vorschläge zu deren Gestaltung zu machen, damit diese Gedanken und Ideen auch in den geplanten Anbau der Schule einfließen können.

Beschreibung des Workshops:
Der Workshop war als Projekt innerhalb des Kunstunterrichts von Ulrike Henß in der Klasse 9c konzipiert. Im Vorfeld der zwei Workshoptage, in denen die Klasse gemeinsam mit JAS e.V. gearbeitet hat, sollten die Schüler die für sie wichtigsten Aufenthaltsorte im gebäudebenennen und in Zeichnungen, Collagen o.ä. darstellen, warum sie diese Orte gewählt haben und was ihre Besonderheit ausmacht. In einer zweiten Übung ging es dann darum, die Orte mithilfe von Körpermaßen (Schritte, Spannen etc.) aufzumessen und sie maßstäblich aufzuzeichnen.
Zu Beginn des eigentlichen Workshops wurden die Ergebnisse der Vorbereitung dann präsentiert. Vier Orte waren es, die für die Schülerinnen und Schüler besonders wichtig waren:

1. der Flur vor ihrem Klassenraum
2. die Bibliothek
3. die Pausenhalle
4. die Cafeteria

In vier Gruppen wurden die Orte dann in einer Wahrnehungsübung erkundet und erste spontane und möglichst verrückte Ideen in schnellen Skizzen entwickelt. Im zweiten Schritt markierten die Schüler mithilfe von Teppichfliesen und Tape, wie diese Orte funktionieren, wie man s ich dort bewegt, welche Besonderheiten es gab, um zu begreifen, was den Ort ausmacht, und die Reaktionen der Mitschüler auf die Veränderungen zu beobachten. Auf dieser Grundlage entwickelten die Schüler Ideen für „Spaceinvader“, um diese Orte „einzunehmen“ und in ihrem Sinne zu verändern.
Am zweiten Tag des Workshops setzten die Jugendlichen in einem temporären Atelier neben dem Raum der Fachkonferenz „Architecture and Education“ ihre Ideen in Modelle umsetzen. Die offene Werkstatt auf der Messe bot Gelegenheit für einen “Expertenaustausch” zwischen Schülern und Architekten. Die Ergebnisse wurden abschließend dem Fachpublikum präsentiert

Ergebnisse des Workshops:

Der Flur
Im Flur wurden die Aufenthaltsbereiche – vor allem die besonders beliebten Plätze an der Fensterbank als Platz mit Ausblick - mit Teppichfliesen markiert. Die Bewegungen der Schüler – ziellos, von Grüppchen zu Grüppchen – und die Bewegung der Lehrer – zielstrebig – wurden mit Tape markiert. So wurde deutlich sichtbar, dass ein großer Teil des eigentlich als Durchgangsraum vorgesehenen Flurs als Aufenthaltbereiche genutzt werden Die Beobachtungen zeigten, dass die kleineren Schüler die Markierungen sofort zum Spielen nutzten, während die älteren zunächst eher skeptisch reagierten und nach dem Sinn der Intervention fragten, erst nach einer Weile ließen sich einige Schüler nieder und nutzten die Fliesen als Sitzgelegenheiten.
Aus dieser Analyse entwickelten die Schüler Ideen für den Flur: eine Kissenkollektion, mit der man es sich auf der Fensterbank gemütlich machen kann, eine orientalische Gestaltung mit Teppich, Sitzkissen und Tisch, oder Aquarium als gläserner Fußboden, der Durchblicke in den unteren Flur erlaubt.

Die Bibliothek
In der Bibliothek, einem kleine Raum zwischen Klassenfluren und Pausenhalle, entschieden sich die Jugendlichen, in der Raummitte einen Stern aus Teppichfliesen zu legen. Der Stern sollte zeigen, dass dies ein besonderer Ort sei. Im Flur vor der Tür machten Fliesen und Pfeile auf den etwas versteckt liegenden Ort aufmerksam. Die Mitschüler und Lehrer reagierten unterschiedlich - einige mit Interesse und Neugier, andere mit Skepsis, was das solle. Ein Schüler nutzte die Markierung auf seine Art und legte sich gemütlich hin. Die Beobachtung zeigte, dass der Stern noch einen anderen Effekt hatte, der gar nicht intendiert gewesen war: Durch die Strahlen, die auf die Regale und Wände des Raumes zeigten, entdeckten einige Besucher Dinge in dem Raum, die sie vorher nie bemerkt hatten, z.B. die Bilder an den Wänden.
Die Gruppe entwickelte dann gemeinsam einen Vorschlag für die Bibiliothek. Unter dem Motto „Feuer und Flamme für’s Lesen“ gestalteten sie eine Leselounge, die nicht nur gemütlichen Platz zum Lesen bieten sollte, sondern auch jede Mange Platz zum Chillen.

Die Pausenhalle
Die Pausenhalle ist der zentrale Ort, an dem sich alle Schüler treffen und wo die meisten ihre Pause verbringen. Zwei zentrale Elemente waren den Schülern besonders wichtig: der Vertretungsplan, der tägliche Anlaufstelle aller Schüler und Lehrer ist, und die Uhr. Beides wurde markiert, wobei der Vertretungsplan mit Teppichfliesen abgehängt wurde, so dass die Informationen verdeckt waren. Die Reaktion der Mitschüler hierauf war eindeutig: Kaum jemand war begeistert, einige waren belustigt, anderen versuchten dagegen, die Teppichfliesen mit Schlüsseln oder anderen Gegenständen zu entfernen. Allerdings gab es auch Schüler, die die auf diese Weise demontierte Markierung wieder gearde rückten. Eine weitere Markierung in der Pausenhalle zeichnete die Hauptbewegungsrichtung in der Pausenhalle mit Teppichfliesen nach. Hier waren die Reaktionen ähnlich wie im Flur: die Jüngeren nutzten die Fliesen zum Spielen, die Älteren waren eher zurückhalten und reagierten cool bis skeptisch.
Die Ideen für die Pausenhalle setzten dann vor allem an der Aufenthaltsqualität an. Platz zum Chillen war der Tenor der Entwürfe. Eine Gruppe schlug eine zweite Ebene vor, um mehr Platz zum Sitzen zu schaffen. Aquarien bildeten die Stützen der neuen Chill-Ebene, die die Schüler im Modell als wellige Teppichlandschaft bauten. Eine zweite Gruppe gestaltete den Raum mit runden, gepolsterten Bereichen, die „Chiller-Holes“.

Die Cafeteria
Die Cafeteria, ein mittelgroßer Raum mit ca. 100 Plätzen, liegt neben der Pausenhalle. Hier markierten die Jugendlichen die Hauptlaufrichtung zur Essensausgabe mit einem „roten Teppich“. Zudem machten sie durch einem weiteren Eingriff auf die fehlende Gemütlichkeit der Cafeteria aufmerksam, indem sie mit den Teppichfliesen Rücklehnen für die ansonsten sehr kargen Bänke entlang der Wand schufen. Dies wurde insbesondere von den jüngeren Schülern sofort angenommen und begrüßt, während die Älteren auch hier eher skeptisch reagierten.
Die Idee, die Cafeteria gemütlicher zu machen, die schon in der Markierung deutlich wurde, wurde in den Modellen dann weiter entwickelt. Eine Gruppe schlug vor, die Cafeteria in ein Strandcafe umzuwandeln, mit Hängematten und Palmen. Eine andere Gruppe kleidete den Raum im Modell mit flauschigem Material aus und baute eine Sitzlandschaft mit ausfahrbarem Tisch. Eine dritte Gruppe baute das transportable Möbelstück „Klapp Dir Deine Pause“, mit dem man sich nicht nur in der Cafeteria, sondern überall in der Schule eine Sitzgelegenheit mit Tisch aufklappen kann und nicht mehr auf daraus angewiesen ist, einen der raren Plätze in der Pausenhalle zu bekommen.

Veranstalter/ Partner/ Sponsoren:
JAS – Jugend Architektur Stadt e.V. für AIT, DMAG – Deutsche Messe AG Hannover
in Kooperation mit der Schillerschule Hannover

TeilnehmerInnen:
25 Jugendliche der Klasse 9c der Schillerschule Hannover
im Rahmen des Kunstunterrichts von Ulrike Henß

BetreuerInnen:
Silke Bernat, Pia Degenhardt, Silke Edelhoff, Päivi Kataikko, Carla Multhaup